Grit Poppe/ Autorin

Buchtipps

Roman
Joyce Carol Oates “Niagara”(s. Rezension)

Jugendbuch
Ally Kennen “Beast”(s. Rezension)

Rezension: Joyce Carol Oates „Niagara“
S. Fischer Verlag, 567 Seiten, 22,90 Euro

Im Bann der Niagarafälle

Vor diesem Roman sollte eigentlich gewarnt werden: Bevor Sie anfangen ihn zu lesen, sollten Sie Ihren Kühlschrank gut bestücken, die nötigste Wäsche waschen und die Verabredungen für die nächsten Tage absagen. Denn Sie werden, falls Sie gewillt sind, sich von „Niagara“ mitreißen zu lassen, kaum noch freie Zeit haben. Und dies nicht nur, weil der Roman recht umfangreich ist, sondern weil die literarische Wucht, die einen in den Sog der Geschichte zieht, bis zum Ende nicht nachlässt. Und einmal in den Strudel geraten, wird man immer wieder überrascht, verwirrt, berührt und beunruhigt von der nicht nachlassenden Intensität des Erzählten. Die Figuren der Joyce Carol Oates sind immer zwiespältig; manchmal wissen sie nicht, wer sie sind, kennen ihre eigene Geschichte nicht und sind früher oder später auf der Suche danach, genauer gesagt: verdammt dazu, sich auf die Suche zu begeben. Doch auf diesem Weg gibt es keine einfachen Wahrheiten. Wenn sie scheinbar das einzig Richtige tun, ist es – aus einem anderen Blickwinkel heraus – genau das Falsche, das Verhängnisvolle, das in die Tragödie führt. Oates schlüpft in die Personen, die sie erfindet, wie in eine zweite Haut; sie geht ihrer Existenz auf den Grund, lotet sie aus – oft bis zur Schmerzgrenze.
Die Schriftstellerin, die dieses Jahr siebzig Jahre alt wird und seit vierzig Jahren Bücher auf gleich bleibend hohem Niveau schreibt, beweist auch in ihrem neuen Werk eine literarische Kraft, um die manch junger Autor sie beneiden dürfte. Ca. sechzig Romane, anspruchsvolle Jugendbücher und hoch spannende Thriller (letztere unter dem Pseudonym Rosamond Smith) hat sie verfasst.
Die Geschichte ihres neuen Romans beginnt im Juni 1950 und endet im September 1978. „Niagara“ ist ein leidenschaftliches Familienepos und zugleich eine anklagende Gesellschaftskritik, ist eine Achterbahn der Emotionen und gleichzeitig intelligent, präzise in den Details und eine dramaturgisch stimmige Komposition. Auf unterschiedliche Art stehen die Figuren ganz im Bann der Niagarafälle, der Erzählfluss folgt dem unaufhörlichen Strömen. Landschaft ist hier nicht bloß Schauplatz, sondern Hypnotiseur und Natur-Gewalt.
Ariah, die Pfarrerstochter, und Gilbert Erskine, ein junger Pfarrer, verbringen ihre Hochzeitsnacht in Niagara Falls. Was die Braut nicht ahnt, ist, dass Gilbert mit der Eheschließung nur seine Homosexualität kaschieren möchte. Doch der Versuch sich der Norm anzupassen misslingt. Bereits nach einundzwanzig Stunden ist Ariah Witwe: Der Bräutigam flieht aus seinem und Ariahs Leben, begibt sich in den „Kreis der Hölle“. „Ein riesiges rundes Becken in der Schlucht, siebzig Meter tief, in dem sich schäumendes Wasser in einem rasenden Strudel im Kreis drehte… Der Leichnam war unter die Wasseroberfläche gesaugt worden und vom Ufer nicht sichtbar. Er hatte sich im Whirlpool gedreht und gedreht, sieben Tage lang.“ Ariah bleibt allein zurück, geschockt, gedemütigt – verflucht, wie sie selbst denkt. Sogar als sie überstürzt ein zweites Mal heiratet, den Anwalt Dirk Burnaby, und eine Familie gründet, traut sie dem Glück nicht, das ihr begegnet. Selbst nach der Geburt des dritten Kindes glaubt sie noch, dass auch dieser Mann sie verlassen wird, dass der Fluch, die Schande sie einholt.
Schließlich kommt es so, wie sie befürchtet und doch wieder ganz anders. Dirk Burnaby ist ein Gentleman, ein aufrichtiger Kerl, der seine Frau und seine Kinder über alles liebt. Doch gerade sein Anstand wird ihm schließlich zum Verhängnis. Als er einer Klientin hilft, deren Kind an Leukämie gestorben ist, den verantwortlichen Chemie-Konzern zu verklagen, weiß er eigentlich, dass er diesen Prozess nicht gewinnen wird. Doch er steigert sich mehr und mehr in den Korruptions-Skandal, den er aufdeckt, hinein. Als die Klage abgewiesen wird, schlägt er noch im Gerichtssaal um sich, wirft seine erfolgreiche Karriere weg, sein Leben. „Es musste sein. Ich bereue es nicht. Oh, verdammt: Ich werde es immer bereuen. Aber es musste sein.“
In rasantem Tempo wechseln die Perspektiven – ohne dass Erzählfluss und Spannungsbogen darunter leiden. Schließlich sind es die heranwachsenden Kinder des ungleichen Paars, die die Geschichte weitererzählen, die jeder für sich und oft am Rande der Selbstzerstörung das Familiengeheimnis der Burnabys aufdecken, den Fluch brechen. „Schreib dir die Seele aus dem Leib“ ist ein Ratschlag, den die Autorin, die in der Universität von Princeton Literatur unterrichtet, jungen Schriftstellern erteilt. Vielleicht ist dies das Geheimnis ihres Erfolgs. Wie es scheint, hat sie sich die Seele aus dem Leib geschrieben, und etwas geschaffen, das schlicht nur einen Namen verdient: Weltliteratur.

Rezension zu: Ally Kennen „Beast“
Gerstenberg, 229 Seiten, 14,90 Euro, ab 12 Jahre

Stephen ist siebzehn und hat schon einiges auf dem Kerbholz: Erpressung, Diebstahl, Brandstiftung, Betrug … Mit zehn hat er „dem Schuldirektor vor die Haustür gekackt“, weil der ihn aus der Schule warf. Stephen ist für die Gesellschaft ein Problem und er bekommt immer wieder Probleme mit der Gesellschaft. Doch die sind im Vergleich zu der Schwierigkeit, die ihn jetzt umtreibt und ihm keine ruhige Minute mehr lässt, im wahrsten Sinn des Wortes Kinderkacke. Der Junge hütet ein Geheimnis, ein Geheimnis von lebensbedrohlicher Art: es frisst und frisst, wird größer und größer und von Tag zu Tag gefährlicher. Wird das Beast ausbrechen und Menschen töten? Oder wird Stephen, das Tier, das er im Lauf der Jahre groß gezogen hat, umbringen? Fressen oder Gefressenwerden – darum geht es in diesem ungewöhnlichen Romandebüt, das mehr ist als eine spannend geschriebene Monstergeschichte. Stephen, ein Kind aus dem Abgrund, – der Vater Alkoholiker und obdachlos, die Mutter psychisch krank – lebt bei einer Pflegefamilie. Er ist aufgenommen in dieser Familie und steht gleichzeitig abseits. Weil er indessen zu alt ist für diese Art der Betreuung, soll er wieder einmal abgeschoben werden. Doch was passiert mit dem Beast, das in einem Käfig des nahe gelegenen Stausees lebt?
Stephen steckt in der Klemme: er muss Geld verdienen, Nahrung heranschaffen, damit das Tier nicht selbst auf Nahrungssuche geht – doch der Junge weiß, dass es nicht so weitergehen kann. Er muss sich dem Bösen, das er selbst geschaffen hat, stellen. Es ist ein gefährlicher, erbitterter, beinahe aussichtsloser Kampf, denn wie es aussieht, steht Stephen seinem mörderischen Gegner ganz allein gegenüber.
Trotz der phantastischen Thematik gelingt es der englischen Autorin Ally Kennen den Existenzkampf eines Jugendlichen, der durch die Ungnade der Geburt kaum je eine Chance auf ein normales Leben hatte, außerordentlich glaubwürdig darzustellen. Sie kennt ihren Protagonisten genau: seine Sprache, seine Sünden, die kleinen Hoffnungen und großen Enttäuschungen. Auch die Eltern der Autorin nahmen immer wieder Pflegekinder in die Familie auf. Die Nöte der jungen Außenseiter sind Ally Kennen also aus eigenem Erleben bekannt. Ihr Held Stephen trägt einen unsichtbaren Stempel, und wenn ein Feuer ausbricht im Haus seiner Pflegefamilie, ist selbstverständlich er der übliche Verdächtige. Doch angesichts der Gefahr für Leib und Leben verhält sich der Ausgestoßene verantwortlicher als jeder andere. Natürlich ist dieses Buch auch ein Märchen, aber eines, in der die Rollen von gut und böse nicht von vornherein eindeutig verteilt sind. Es war einmal ein kleines niedliches Reptil, das ein besoffener Kerl seinem Sohn schenkte … Was kann ein Junge für die Schnapsidee seines Vaters? Was kann das Beast dafür, dass es Hunger hat? Auch Stephen erlebt Überraschendes und erhält ausgerechnet von einem Menschen Unterstützung, von dem er es am wenigsten erwartet hätte.
„Beast“ vereint Spannung mit Sozialkritik, Alptraum mit realen Pubertätsnöten; die rundum gelungene Geschichte ist nicht nur Jugendlichen zu empfehlen.

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