Grit Poppe/ Autorin

Special

Der Hintergrund zum Roman „Weggesperrt“

Die Zeitzeugen

Den Roman „Weggesperrt“ hätte ich nicht schreiben können, ohne die Unterstützung von Zeitzeugen, die mir offen und geduldig von ihren Erfahrungen erzählt haben. Dafür noch einmal vielen Dank!
Vermittelt wurden die Kontakte von Mitarbeiterinnen der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Torgau, die mir auch sonst weiterhalfen, wenn nötige Informationen fehlten. Auch hierfür danke ich herzlich!

Gesprochen habe ich mit Zeitzeugen, die das Durchgangsheim Alt Stralau in Berlin, verschiedene (so genannte „offene“) Jugendwerkhöfe und den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau erlebt haben (hauptsächlich im Zeitraum von 1984 bis 1989). Nicht jeder möchte namentlich genannt werden, andere gehen ganz bewusst mit ihrer Geschichte in die Öffentlichkeit.

Mit Stefan Lauter und Kerstin Kuzia, die beide in Berlin wohnen, habe ich mich mehrfach getroffen. Meist verabredeten wir uns an der Weltzeituhr am Alexanderplatz und schlenderten dann zur nächsten Parkbank neben dem Fernsehturm oder in ein Café oder in ein Selbstbedienungsrestaurant. So gemütlich das hier klingt war es allerdings nicht, denn die beiden erzählten mir sehr detailreich von ihren schlimmsten Lebenserfahrungen. Die Gespräche haben oft stundenlang gedauert, denn aus einer Antwort ergaben sich meist (mindestens) zwei neue Fragen... Begleitet habe ich Stefan und Kerstin dann auch nach Torgau in den ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhof, in dem sich heute die Gedenkstätte befindet (zu Zeitzeugengesprächen – mal mit Jugendlichen, mal mit Studenten – und zum Treffen ehemaliger Insassen), nach Cottbus (zur Aufführung des Tanztheaterstückes „Schocktherapie“) und auch in die ehemalige Haftanstalt Hohenschönhausen, in der mir Stefan zeigte, wie ein Riegel knallt, wenn man „weggesperrt“ wird. Beide engagieren sich heute im Opferbeirat der EBS Torgau und berichten offen über ihre Vergangenheit.

Stefan
Stefan mit 17

Stefan Lauter kam 1985 mit 17 Jahren vom Jugendwerkhof Freital in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Einweisungsgrund war sein rebellisches Verhalten: so trat er aus der FDJ aus, äußerte kritisch seine Meinung und engagierte sich in der Jungen Gemeinde. Sein Auftreten sei von „Nichteinordnung in das Kollektiv“, durch „westliche Einflüsse“ und „kirchliche Beeinflussung“ geprägt. Deshalb, so urteilte der Direktor des Jugendwerkhofes „Junge Welt“ Freital, seien „straffere Erziehungsmethoden erforderlich“. (Quelle: „Antrag auf Einweisung des Jugendlichen Stefan Lauter in den Jugendwerkhof Torgau“ vom 22. 2. 1985 des Rat des Bezirkes Dresden, Jugendwerkhof „Junge Welt“ Freital, an das Ministerium für Volksbildung, Abt. Jugendhilfe, Sektor Heimerziehung, Berlin.)

Zur „Begrüßung“ bekam Stefan im GJWH Torgau von einem Erzieher den Schlüsselbund ins Gesicht geschlagen, nur weil er eine Frage stellen wollte. Das war erst der Anfang einer Kette von Misshandlungen, Demütigungen und Strafen.

Schluesselbund
Schlüsselbund aus dem GJWH Torgau

Kerstin
Kerstin mit 17

Kerstin Kuzia kam 1984 mit 16 Jahren in den GJWH Torgau. Sie wurde vom Direktor des Jugendwerkhofes Hummelshain eingewiesen und „durfte“ ihren 17. Geburtstag hinter Torgauer Gittern verbringen. Der Grund: Kerstin hatte sich in Hummelshain mit einer Praktikantin angefreundet. Der private Kontakt zum Personal war jedoch strengstens verboten. Als der Kontakt aufflog, wurde die Praktikantin zwangsversetzt und Kerstin ließ ihrer Wut darüber freien Lauf, heulte und brüllte, schmiss mit Geschirr um sich und äußerte, dass sie aus dem Werkhof abhauen wolle. Kurze Zeit später wurde sie beschuldigt, eine Gruppenentweichung zu planen und als „Organisator eines Massenausbruchs“ zur Strafe nach Torgau geschickt.

Als besonders einschneidendes Erlebnis erinnert sich Kerstin heute an die drei Tage und Nächte Einzelarrest in der Einweisungszelle, die jeder Jugendliche am Anfang seines Aufenthaltes in der Torgauer Disziplinierungsanstalt erleiden musste. Doch auch für sie kam es noch schlimmer: So musste sie eine Nacht im Keller in der Dunkelzelle verbringen, in der sie nichts sah und nichts hörte – und nicht gehört wurde.

Zelle
Zuführungszelle

Dunkelzelle
Dunkelzelle

Kerstin und Stefan
Stefan und Kerstin nach der Aufführung der „Schocktherapie“
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