Grit Poppe/ Autorin

Special

Der Hintergrund zum Roman „Abgehauen“

Christian Bürger

Flucht nach Prag 1989

(Zeitzeugenbericht)

Nach meiner missglückten „Republikflucht“ und der darauf folgenden Inhaftierung in Stasi-Gefängnissen wurde ich aus Anlass der Amnestie 1987 in die DDR entlassen.
Als ich aus der Haft zurückkehren musste in meine alte Heimat, war ich völlig verzweifelt und stand vor den Scherben meines bisherigen Lebens. Alles, was ich versucht hatte, war umsonst gewesen. Die Risiken und Entbehrungen, die ich auf mich genommen hatte, erschienen mir plötzlich völlig sinnlos.
Ich war ein Staatsfeind und genauso wurde ich behandelt.
Bereits bei meinem ersten Besuch auf den Behörden (Abt. Innere Angelegenheiten) wurde mir dies unmissverständlich klargemacht. Ich hatte nichts zu fordern oder zu erhoffen. Ich war ein staatsfeindliches, kriminelles Element und hatte meine Bürgerrechte verwirkt!
Ich erhielt einen so genannten PM 12, einen Ausweis, der jedem zeigte, dass ich kein vollwertiger DDR-Bürger war und mit dem ich nicht ins Ausland durfte.
Einmal wöchentlich musste ich mich nun auf der Behörde melden und der mir zugewiesene Arbeitgeber musste wöchentlich einen Bericht über meine Tätigkeit, meine Äußerungen und meine sonstigen Aktivitäten verfassen.
Ich durfte nun täglich von 6.00 Uhr bis 14.45 Uhr in einer Automatenhalle der Dreherei in den Barkas-Werken in Karl-Marx-Stadt durch die Halle fahren und die Drehspäne aus den Maschinen mit meiner Mistgabel in meinen Handwagen schaufeln und diese auf den Schrottplatz der Firma bringen.
Jeder der dortigen Mitarbeiter wusste, woher ich kam und was ich auf dem „Kerbholz“ hatte. Somit war von Anfang an sichergestellt, dass die Kollegen mich mieden, um nicht selbst ins Fadenkreuz gewisser „Genossen“ in der Firma zu geraten.

Prager Botschaft1990
Christian Bürger (links, neben der Trabi-Skulptur im Anzug) und Hermann Huber (damaliger Botschafter, rechts vorn, im weißen Anzug) bei einem Treffen ein Jahr nach den Ereignissen 1989 in der Prager Botschaft (Foto: privat)

Im Frühjahr 1989 musste ich die schwere Aufgabe übernehmen, eine gute Freundin zum Bahnhof zu begleiten, die nach Jahren der Repression endlich die Genehmigung zur Ausreise aus der DDR wegen „Familienzusammenführung“ erhalten hatte. Zwischen der Nachricht auf Genehmigung und der zeitlich festgesetzten Ausreise vergingen gerade mal 48 Stunden. Wir hatten also kaum Zeit alles in Ruhe zu regeln. Mit leerem Herzen und vielen Tränen setzte ich sie in den Zug und versprach ihr, dass ich – egal wie – bald folgen würde!
Kurze Zeit später erfuhr ich von den ersten DDR-Flüchtlingen, die in der deutschen Botschaft in Prag Zuflucht gesucht hatten.
Das war für mich wie der Hinweis von OBEN: Chris, das ist deine einzige Chance dieses Elend zu beenden und doch noch zu einem guten Ende zu bringen!
Ich nahm Urlaub und bereitete mich gründlich auf meine letzte Reise vor.
Da ich ja keinen richtigen Ausweis hatte, war mein größtes Risiko an der Grenze kontrolliert zu werden.
Also suchte ich meinen alten Wehrpass hervor, der ja, zumindest auf den ersten Blick, auch eine offizielle Legitimation war.
Ich ließ daheim alles so, als ob ich bald wieder käme. Meine Papiere, wie Facharbeiterbrief, Geburtsurkunde u. a., verpackte ich in einen großen Briefumschlag und brachte alles zu einem wirklich vertrauenswürdigen Freund. Dieser sollte mir den Umschlag später zuschicken.
Ich nahm nur eine Sporttasche mit etwas Unterwäsche, Jeans und T-Shirts mit.
Für den Fall der Fälle (der dann auch eintreten sollte) hatte ich mir eine Story zurechtgelegt und stieg spät abends in den Nachtzug nach Prag – in der Hoffnung, dass die Grenzsoldaten in der Nacht nicht so gründlich kontrollieren würden.
An der Grenze zur CSSR stiegen dann die Kontrolleure mit den Soldaten ein.
Stichprobenartig kontrollierten sie die Reisenden. Und als ob ich ein Kainsmal auf der Stirn hätte, blieben sie bei mir stehen und verlangten die Papiere.
Nach einem kurzen Blick in meinen Wehrpass und einem weiteren Blick auf ihre Liste wurde ich gebeten mitzukommen und den Zug zu verlassen.
Da wusste ich, dass mein Plan geplatzt war. Sie hatten mich auf der Liste!
Ich wurde zu einer Baracke im Niemandsland geführt und musste dort warten und mit ansehen, wie der Zug nach kurzem Aufenthalt ohne mich weiterfuhr. Ich glaubte in diesem Moment, dass die ganze Welt um mich herum zusammenbrach!
Nach langem Warten kamen zwei Herren in Zivil, holten mich in ein Zimmer und begannen mit dem Verhör. Obwohl sie in meinen Sachen nichts fanden, was auf eine Flucht hinwies, glaubten sie mir meine Story natürlich nicht. Allerdings konnten sie mir auch nach stundenlangen, ständigen Wiederholungen und Fragen nicht nachweisen, dass ich „abhauen“ wollte.
Meine Story war, dass ich mich am nächsten Tag am Bahnhof in Bratislava mit meiner ehemaligen Freundin (die ja bereits ausgereist war) treffen wollte, um mit ihr ein schönes Wochenende in der Tschechoslowakei zu verbringen.
Das konnten die Herren natürlich nicht widerlegen.
Also wurde ich „nur“ zurechtgewiesen, dass ich keine Erlaubnis hätte in die CSSR zu reisen und wurde aufgefordert sofort nach Karl-Marx-Stadt zurückzukehren. Am folgenden Montag sollte ich mich bei der „Behörde“ melden und auch dort nochmals Rede und Antwort stehen.
Meinen Wehrpass behielten die Herren gleich ein.
Als ich dann nach sechs Stunden Verhör aus der Baracke zum Bahnhof geleitet und in den nächsten Zug Richtung Heimat gesetzt wurde, wusste ich bereits, dass ich niemals am Montag zur Behörde gehen würde. Ich befürchtete, dass dies mein letzter Tag in „Freiheit“ wäre. Somit blieb mir nichts anderes übrig, als den einzig noch möglichen Weg zu gehen: über die „grüne Grenze“.

Am Sonntagnachmittag wieder zu Hause packte ich meinen Rucksack mit Tarnanzug, Fernglas und Proviant und wartete auf den Abend. Ich rechnete damit, dass SIE mich bereits beobachteten. Also stieg ich bei Dunkelheit aus meiner Erdgeschosswohnung durch das Schlafzimmerfenster in den Hinterhof.
Von dort aus ging es durch die angrenzenden Gärten drei Häuser weiter auf die Seitenstraße. Ich begab mich zum Busbahnhof und fuhr mit dem Bus nach Oberwiesenthal im Gebirge. Dort angekommen mischte ich mich unter die vielen Urlauber auf dem Marktplatz und „wanderte“ bereits in tiefer Dunkelheit in Richtung Fichtelberg. Auf der linken Seite der Straße erstreckte sich ein ca. 200 m breiter abschüssiger Wiesenstreifen und im Grund der Wiese befanden sich der Grenzbach und die Grenze zur CSSR. Dahinter die Wälder des Keilberggebietes.
Zunächst versteckte ich mich im Unterholz und begann meine Observation des Grenzstreifens.
Ich konnte im Lauf der nächsten Stunden feststellen, dass immer in gewissen Abständen und zeitversetzt die Grenzer der DDR mit ihren Hunden und der Kalaschnikow auf dem Rücken und dann die tschechischen Grenzer an dem Grenzbächlein entlang patrouillierten.
Im Laufe der Nacht pirschte ich mich immer näher und von Busch zu Busch an die Grenze heran. Und immer wenn die Streife vorbeikam, hoffte ich innigst, dass weder die Hunde mich wittern, noch die Soldaten meinen überlauten Herzschlag hören würden.
Und dann ging alles ganz schnell: Nach dem Patrouillengang der Tschechen wartete ich noch fünf Minuten und lief dann los. Wie ein gehetztes Reh überquerte ich den Wiesenstreifen, übersprang den Grenzbach und lief in die tschechischen Wälder. Und lief und lief …
Nach vielleicht einer halben Stunde ließ ich mich in eine Kuhle fallen. Zerstochen von Baumästen, mit von herausragenden Wurzeln und Bäumen zerschlagenen Schienbeinen blieb ich liegen. Irgendwo in einem tschechischen Wald. Hoffend, dass ich mich nicht zu weit vom nächsten tschechischen Dorf (Bozi Dar) entfernt hatte.
Ich schlief ein. Und als ich wieder erwachte, war es heller Tag.
Ich wechselte meine Kleidung, zog den Tarnanzug aus und verbarg ihn wieder im Rucksack.
Wie ein Urlauber schnitt ich mir einen Wanderstock und spazierte pfeifend durch den Wald bis zu einem Weg mit Wegweiser.
Dann wusste ich, dass ich NUR vier Kilometer vom Weg abgekommen war und wanderte in den Ort. Hier konnte ich dann unbeobachtet und ohne Probleme in den Bus nach Prag steigen.
In der goldenen Stadt angekommen, begab ich mich sofort zum Wenzelsplatz, um mich nach dem Weg zur deutschen Botschaft zu erkundigen. Doch das war leichter gedacht, als getan. Kein Taxifahrer war bereit, mich dahin zu bringen.
Irgendwie waren alle sehr sensibilisiert, wenn der Name Deutsche Botschaft fiel.
Zum Glück traf ich nach einigen Fehlversuchen eine westdeutsche Familie, die sehr hilfsbereit war und sofort wusste, warum ich nach diesem Weg fragte.
Sie machten mich sogar noch darauf aufmerksam, dass auf der rechten Seite gegenüber der Botschaft eine tschechische Milizstation wäre und die Polizisten dort auch öfter mal Kontrollen machen würden.
Meine Nerven waren aufs Schärfste angespannt, als ich die Straße zur Botschaft hinaufging. Und tatsächlich: Auf dem Platz vor der Botschaft standen vor einem kleinen Haus zwei Milizionäre und rauchten. Also nahm ich mein Herz in die Hand, ignorierte die zwei geflissentlich und spielte den fotografierenden Touristen.
Als ich auf Höhe des Eingangs der Botschaft angelangt war, traten die Polizisten ihre Zigaretten aus und ich sah aus dem Augenwinkel, dass sie sich anschickten in meine Richtung zu kommen.
Jetzt oder nie!!! Ich rannte sofort in den großen Eingangsbereich des Palais Lobkowicz und meldete mich beim Pförtner: Mein Name ich Christian Bürger. Ich komme aus der DDR und bitte um Asyl. Ich geh hier nicht wieder raus!

(Copyright: Christian Bürger)

Christian Bürger war 1989 Sprecher der Botschaftsflüchtlinge in der Prager Botschaft. Heute lebt er wieder in Chemnitz und ist Betriebsleiter eines Landgasthofes. Er hat eine erwachsene Tochter und einen Enkelsohn und ist ehrenamtlich als Fußballtrainer tätig.


zurück

to top